27.03.26

TOUR DIARY – 20.03.26 | TUTTLINGEN, Felsen, RiedRockRead


RiedRockRead zum Zweiten: Es herrschte Tour-Feeling. Durch den erfolgreichen Auftakt in Riedlingen bestärkt, fuhren wir zusammen mit unserem Sound-Mann Heinz voller Vorfreude nach Tuttlingen in den Felsen. Dort hatte unser Gitarrist Jojo mit den engagierten Leuten vom Kulturverein Rittergarten e.V. einen weiteren Tour-Stopp organisiert.

Wir durften mit Warnblinker direkt vor dem Eingang parken, wie uns die supernette Uschi vom Kulturverein versicherte. Von dort aus trugen wir die Anlage und unser Equipment ins Innere und bauten unter dem freundlichen Regiment von Heinz auf. An diesem Abend wartete ein gänzlich anderes Ambiente auf uns. Der Felsen könnte das große Wohnzimmer eines Kunstsammlers sein: Helle Wände, moderne Einrichtung, kleine Bar und alles garniert mit farbenfrohen Bildern des Künstlers Thomas K.O. Kaufmann. Als alles verkabelt war, drehte Heinz an den richtigen Reglern und sorgte dafür, dass der Sound mit dem schönen Ambiente mithalten konnte. Wir bekamen tolles Catering von einem Italiener um die Ecke.

Ab halb 7 strömten mehr und mehr Leute in den Felsen – inklusive Michael Boenke samt seiner „Gattin“ (wie er bisweilen zu sagen pflegt). Wir umarmten uns freudig. Der Altersschnitt des Publikums war höher als sonst und wir kannten so gut wie niemanden. Völlig neues Terrain also. Wir waren gleichermaßen aufgeregt wie erfreut. Dass die Musikanten die Jüngsten im Saal sind, hat man nicht alle Tage.

Um halb 8 hielt Uschi eine nette Ansprache und kündigte uns an. Wir legten wieder mit zwei Songs los, bevor Michael die Einführung übernahm, das Konzept von RiedRockRead erklärte und dann aus „Kuhnacht“ vorlas. Zufrieden stellten wir fest, dass auch in Tuttlingen so gut wie alle Stühle besetzt waren – wir blickten in zig Augenpaare. Durch die (im Gegensatz zu Riedlingen) unmittelbare Nähe zum Publikum, bekamen wir auch kleinste Reaktionen direkt mit. Es war eine richtig schön intime Wohnzimmer-Atmosphäre. Nach weiteren Songs wie „Part-Time RnR“ las Michael aus „Versumpft“ vor und präsentiere das (wie er stets betonte) musikalischste Kapitel, das er je geschrieben hatte. Zunächst ging es (sehr zum Missfallen der Hauptperson Daniel Bönle) eine ganze Weile um volkstümliche Musik. Lyrische Highlights der „Schnätzlepfätzer“ wie zum Beispiel „Du bisch du ond i ben i, zusamma sind mr kikeriki“ ließen die Herzen einiger Gemüter höher schlagen und strapazierten die Lachmuskeln unseres Drummers Sédon. Hauptperson Daniel Bönle hatte für derartigen Klamauk wenig übrig. Er wünschte sich Coleslaw herbei oder den Geist von Lemmy Kilmister. An dieser Stelle brüllten wir unisono: „Keep your powder dry!“ – ein Songtitel, den Michael in sein Werk eingebaut hatte. Passenderweise trug er in Tuttlingen ein Motörhead-Shirt unter seinem Sakko und erzählte dem gebannten Publikum ein bisschen was über den vor gut 10 Jahren verstorbenen Kult-Rock’n’Roller. Wir steuerten hier und da unseren Senf bei und spielten uns gegenseitig die Bälle zu. Das Publikum hatte seine helle Freude. Während der Lektüre von „Leberwurscht letal“, wo Michael gekonnt das Minenfeld zwischen exzessiver Fleischesliebe und militantem Veganismus bespielt, präsentieren wir unseren Song „Away“, der in dem Buch im Rahmen einer Spontan-Party aufgelegt wird. Hauptperson Daniel Bönle sinniert über Coleslaw: „Wenn ich geahnt hätte, dass die Veranstaltung so aus dem Ruder läuft. Wer weiß, vielleicht unplugged? Vielleicht wären sie gekommen?“ Nippel rief spontan: „Klar!“ und Michael meinte (mit Blick auf die zuvor erwähnten musikalischen Verirrungen) trocken, dass wir uns eine Menge hätten ersparen können, wenn er das früher gewusst hätte. Das Publikum lachte laut los. Nach „Leberwurscht letal“ machten wir auch an diesem Abend eine Pause und mischten uns unters Volk. Dort lernten wir unter anderem den Künstler kennen, dessen bunte Bilder die Wände zierten.

Die zweite Hälfte eröffneten wir mit den Songs „All Your Fault“ und „Behind The Curtain“. Mit der Ankündigung, jetzt hinter den Vorhang einer Camper-Idylle zu schauen, leitete Michael elegant zur Lektüre von „Camping mortale“ über. Er las eine Stelle, an der eine fulminante Live-Darbietung unseres Songs „Hell Breaks Loose“ beschrieben wird, bei der insbesondere unser Drummer alles gibt und in gewagter Garderobe auf ein überdimensionales Kasperle eindrischt, während im Publikum ein Tatverdächtiger verhaftet und in Handschellen abgeführt wird. Passend zum Text zog Jojo das gruselig anmutende Kasperle heraus, das auf dem Cover unseres Albums „Black Heart Fairytales“ abgebildet ist und wir spielten einen Teaser des Songs „Hell Breaks Loose“. Das Publikum reagierte sehr feinsinnig auf jedes Detail. Bei der Beschreibung des Mord-Opfers, dem ein Zelthering durch den Kopf gerammt worden war, herrschte kurzeitig blankes Entsetzen, das Michael jedoch gleich wieder mit Humor beseitigte. Mit Michaels neuem Buch und Songs wie „Closer Tonight“ steuerten wir dem Ende des zweiten RiedRockRead-Abends entgegen und verbeugten uns nach dem (vermeintlich) letzten Song vor dem begeisterten Publikum.

Dem Wunsch nach einer Zugabe kamen wir selbstverständlich gerne nach. Wir starteten wieder mit einer Fragen-Runde an den Autor. Zu unserer Freude fragte eine Frau im Tuttlinger Publikum, ob Michael bitte mal das Bad Saulgauer Bächtlefest in ein Buch integrieren könne. Michael hatte diesbezüglich zwar nichts geplant, versprach aber, den Wunsch irgendwann zu erfüllen. Unsere Zugabe war wieder ein Song aus Michaels Jugend. Konkret: „The Boxer“ von Simon & Garfunkel. An diesem Abend kam der Song besonders gut an – fast alle im Saal (mit Ausnahme der Musikanten) dürften ebenfalls jugendlich gewesen sein, als der Song 1970 veröffentlicht worden war. Es wurde lautstark mitgesungen. Ein Gänsehaut-Moment. Zufrieden verbeugten sich Autor und Band ein weiteres Mal und mischten sich unter die Leute. Es gingen mehrere Bücher und CDs über die Ladentheke des Merchandise-Stands. Auch der zweite RiedRockRead-Abend war ein voller Erfolg. Die Leute vom Kulturverein führten uns zu später Stunde noch in die alte Kellerbar des Felsen und Michael zeigte uns begeistert, wo früher die „bösen Jungs“ abhingen…

Wir bedanken uns herzlich bei Uschi, Schorsch und all den lieben Leuten vom Kulturverein Rittergarten e.V. für das Engagement, Heinz Wellmann für den erstklassigen Sound, Kathrin Boenke für die Fotos und „Good Vibes“, der Presse (Gränzbote, Südfinder, Hinterland Magazin) für die Ankündigungen, Thomas K.O. Kaufmann für seine Kunst und sein Lob unseres „Flora“-Artworks (er ist Oldtimer-Fan) und last but not least beim großartigen Publikum.